Interview mit Ivonne Keller & „Lügentanz“

Hanna: Im Roman „Lügentanz“ geht es um Michaela, die in einem Leben weilt, bei dem sie selbst verunsichert ist, mit permanenten Selbstzweifeln kämpfen muss. Fast jeder Mensch lügt mehrmals am Tag, Studien haben es oft genug bewiesen. Immer wieder kursiert in den Medien eine Anzahl von knapp 200 Stück pro Tag an Lügen, die erzählt werden. Es gibt ja die unterschiedlichsten Arten von Lügen – Höflichkeitslügen beispielsweise, um nur eine davon zu nennen. Nur in deinem Roman geht es um eine völlig andere Art – wie würdest du sie beschreiben?

lügentanz
Ivonne Keller: Im Allgemeinen dienen die Lügen der Personen in meinem Roman dazu, um Konsequenzen herumzukommen, die die Wahrheit mit sich bringen würde. Auch aus dem Wunsch heraus, sich lieber nicht einzumischen, wird gelogen. Na, und noch ein paar mehr. 

Hanna: Magdalena von Hohenkamp oder Lena genannt ist eine selbtständige, junge Frau, die einiges an Last auf ihren Schultern bereits auf den Schultern trägt. Würdest du sie als Vorbildfunktion beschreiben? Für Jugendliche, die dein Buch lesen?

Ivonne Keller: Überhaupt nicht. Ich verfolge mit meinen Geschichten keinen moralischen Anspruch. Ich zeige einfach nur, dass die Menschen durch die Umstände, in denen sie aufwachsen, geprägt werden, und damit manch zunächst unerklärlich erscheinendes Verhalten erklärbar wird.

Hanna: Wem bzw. welcher Altersklasse würdest du generell „Lügentanz“ oder deine Bücher empfehlen?

Ivonne Keller: Jedem Erwachsenen, der gern psychologische Spannungsromane ohne blutige Tatsachen liest. Lesern, die Rätsel mögen und beim Lesen gern auf Spurensuche gehen.

Hanna: Was sind deine generellen Vorlagen für deine Figuren? Man kann sich optimal in sie hineinversetzen, sie scheinen fast alltäglich zu sein – was zeichnet sie als diese Besondere Figur, die es in deinen Roman schafft, aus? Dass fast jeder Autor betont, seine Figuren wären so normal wie die Nachbarn eines jeden Lesers nebenan, einfach gestrickte Leute mit einigen Macken, in die man sich schnell und leicht hineinversetzen kann / soll, ist leider nichts Neues. Worin liegt also deine Besonderheit, was denkst du?

Ivonne Keller: Etwas Neues kann ich dir dazu leider auch nicht sagen.  Ich habe selten Einfluss darauf, wie meine Figuren sind. Ihre wahren Macken zeigen sie mir meist erst im Laufe der Geschichte. Ich schreibe ja keine Fantasy- oder Horroromane – ja, tatsächlich sind sie letztendlich wie du und ich.

Hanna: Warum stehen in dem Zusammenhang Frauen als Hauptperson zur Verfügung? Nur, weil du selbst eine bist?

Ivonne Keller: Ich finde die Psyche der Frauen ehrlich gesagt viel interessanter, als die der Männer. 😀

Hanna: Warum?

Ivonne Keller: Ich glaube, dass Frauen mehr von dem wahrnehmen, was um sie herum geschieht – mitunter natürlich auch Dinge, die sie überbewerten oder falsch interpretieren – aber das macht es für mich eben interessanter. Das Spektrum für innere Monologe und Dialoge scheint für mich als Autorin größer. Ich war ja noch nie ein Mann – das ist nur mein subjektiver Eindruck.
Cover-Hirngespenster-2014
Hanna: Du sagtest einmal: „Mich fasziniert, was mit Menschen passiert, die kurz davor sind, auszuflippen.“ – Warum?

Ivonne Keller: Weil die Menschen dann wahrhaftig werden. Im Standby-Modus gibt es nicht viel zu sehen.

Hanna: Auch hieß es: „Seltsame Menschen trifft man ja oft mehr als genug, mir wird daher vermutlich niemals der Stoff ausgehen.“ (http://lovelymix.de) Was sind bei dir „seltsame Menschen“? Wie gehst du selbst mit ihnen um?

Ivonne Keller: „Seltsam“ findet ja jeder etwas anderes. Da will und werde ich mich nicht festlegen.  Abgesehen davon verhält sich jeder ab und zu „seltsam“. Das sind nur Momentaufnahmen – die genügen mir aber meist um eine ganze Story darum herum zu spinnen. Am Interessantesten finde ich wohl die Menschen, die mit sich selbst reden. Einmal setzte sich eine junge Frau im Zug neben mich, die eine Kapuze tief uns Gesicht gezogen hatte und sich verängstigt umsah. Ich fragte sie, ob ich ihr helfen könnte. Sie flüsterte nur „es geht mir nicht so gut“, dann ging sie weiter. Bisher ist das noch nicht in einen meiner Romane gewandert, es kann aber sein, dass das noch passiert. Die Frau hat mich berührt.

Hanna: Was sind deine künftigen Projekte? An welches Szenario hast du dich bisher herangetraut, an welches nicht? Dass ich nicht Frage, woran du gerade schreibst, ich –wie ich deiner Website entnehmen konnte, völlig logisch, da ich vermutlich ohnehin keine Antwort darauf erhalten würde. Deinem Mann erzählst du davon – laut Seite – bisher immer noch nicht. Diese Gewohnheit hat sich sicher nicht geändert, oder? Doch ich hoffe über die künftigen Projekte verrätst du uns etwas.

Ivonne Keller: In meinem nächsten Roman, der im September 2016 erscheint, geht es um das Thema Angststörungen. Meine Hauptfigur trifft aufgrund ihrer Erkrankung Entscheidungen, die ein gesunder Mensch so nicht treffen würde. Das zieht eine Kette von Ereignissen nach sich, die sie nicht mehr aufhalten kann. Wenn ich eine Geschichte oder einen Roman schreibe, ist das ein sehr intimer Prozess. Selbst meine Lektoren bekommen erst die Endversion. Sie kennen natürlich meinen Plan, aber ab dann ist das tatsächliche Verfassen wie Tagebuch schreiben. Man darf mir dabei nicht mal über die Schulter schauen und ein paar Sätze lesen. Da bin ich richtig empfindlich.

Hanna: Was ist dein bisheriges Lesehighlight 2015, und warum? Was liest du gerade – wie sehr gefallen dir die Geschichten von Newcomern im Gegensatz zu eingefleischten Autoren?

Ivonne Keller: Ich lese gerade mein Lesehighlight. „Paper Towns“ von John Green. Auf Deutsch heißt es „Margos Spuren“ und wurde gerade verfilmt. Ich liebe die authentische Sprache des Autors, seine Dialoge, die Figuren, die Story – einfach alles. Ob mir die Geschichten von Newcomern besser gefallen als die etablierter Autoren? Es kommt auf die Story an, auf die Figuren. Wenn die mich packen, ist mir der Bekanntheitsgrad des Autors gleichgültig.

Hanna: Was muss eine Geschichte deiner Meinung nach haben, um bei dir als etwas „Besonderes“ zu gelten? Und was, um es als solches wahrgenommen zu werden?

Ivonne Keller: Die Figuren müssen plausibel handeln. Es ist klar, dass in Geschichten bestimmte Dinge passieren „müssen“, um den Plot am Laufen zu halten. Aber wenn das auf Kosten der Figuren geschieht, die völlig unlogische Dinge tun, lege ich das Buch beiseite. (Beispiel: Eine Frau hat seit Wochen den Verdacht, dass vor ihrem Haus ein „Böser“ lauert. Es ist stockdunkel, sie hat wieder schreckliche Angst, aber sie geht dennoch raus, um Futter ins Vogelhäuschen zu tun… Rate, was passiert …)

Tinkerbell: Tja, dann würde ich das Buch auch als nicht gerade spannend beschreiben. Das wäre mir auch viel zu vorhersehbar.

Ivonne Keller: Nur: wenn es einem Autor gelingt, die Figur auf eine Reise zu schicken, die ich miterleben möchte, weil gleich zu Anfang Fragen aufgeworfen werden, auf die ich Antworten erhalten möchte, dann ist das für mich etwas Besonderes.

Hanna: Bist du immer noch aktiv auf Neobooks bzw. liest dort die Geschichten von anderen Autoren? Wie sind deine Erfahrungen damit? Neobooks ist mittlerweile bekannt bei vielen (Hobby)Schriftstellern. Andere Verlage haben auch eigene Portale, die ähnlich gestrickt sind, was denkst du darüber?

Ivonne Keller: Inzwischen fehlt mir die Zeit, um mich dort aktiv in der Community zu beteiligen oder Geschichten anderer Autoren zu lesen und zu bewerten. Das Konzept finde ich aber nach wie vor toll, ich habe ja dort angefangen. Inzwischen scheint neobooks seinen Fokus mehr auf die Distribution verlegt zu haben, auch ich nutze neobooks um meine SP-Romane zB. an Apple auszuliefern.

Hanna: Wie stehst du zum Thema Self-Publishing?

Ivonne Keller: Ich finde es eine prima Sache für Autoren. Meine Romantischen Komödien veröffentliche ich unter dem Namen Alice Golding selbst. Der Weg von der Geschichte zum Leser ist einfach viel kürzer. Aber man ist auch für alles selbst verantwortlich. Für Leser stelle ich es mir schwierig vor, hier eine Auswahl zu treffen, inzwischen sind sehr viele Selfpublisher „unterwegs“. Da gibt es, glaube ich, sehr große Qualitätsunterschiede.

Hanna: Wie kommst du als Autorin an Fachpersonal wie Psychologen etc. heran, die dir bei deinen Romanen weiterhelfen? Was würdest du Jungautoren, Newcomern in dem Bereich, unbedingt empfehlen? Terminvereinbarung persönlich, per Mail, wie sollte man es formulieren und über wen geht man?

Ivonne Keller: Ich habe glücklicherweise in meinem Bekanntenkreis Psychologen, die ich alles fragen kann. Viele Dinge kann man auch im Internet recherchieren. Und wenn ich Schilderungen von Betroffenen brauche, stelle ich auch mal eine Frage in einem Forum. Aber meist ist es doch so, dass meine Figuren mir erzählen, was sie quält.
Newcomern auf Verlagssuche würde ich zunächst empfehlen, sich anonyme Testleser zu suchen. Dafür ist so eine Plattform wie neobooks zB. sehr geeignet (zumindest früher – inzwischen kenne ich mich wie gesagt nicht mehr so gut damit aus). Schreibseminare sind sehr hilfreich. Anschließend sollte man sich mit einem fehlerfreien Manuskript bei einer Agentur bewerben. Per E-Mail wird der beste Weg sein. Wie – dazu gibt es jede Menge Tipps im Netz. Ich empfehle das „Handbuch für Autoren“ von Sandra Uschtrin. Darin findet man ALLES.

Hanna: Das sind super Gedanken und Empfehlungen. Was für Wünsche, außer dich mit der wunderbaren Petra Hammesfahr zu treffen, stellst du noch an dein Leben bzw. hast du grundsätzlich?

Ivonne Keller: Mit Petra Hammesfahr habe ich mich glücklicherweise schon treffen dürfen.  Ansonsten wünsche ich mir geistige und körperliche Gesundheit bis ich eines Tages friedlich einschlafe.

Hanna: Ey, das ist ja großartig! Wie war das Treffen? Und was für eine Botschaft möchtest du deinen Lesern und Bloggern mit auf den Weg geben?
Ivonne Keller: Wir haben vor einer ihrer Lesungen eine Cola zusammen getrunken und ich konnte sie alles zu ihren Schreibmethoden fragen, was mir schon immer auf der Seele brannte. Sie war sehr nett und hat mir alle meine Fragen beantwortet.
An meine Leser und alle Blogger: Ich wünsche euch, dass es noch vielen Autoren gelingen wird, euch für eine Weile in die Welt ihrer Figuren mitzunehmen, in einer Weise, die euch alles um euch herum vergessen lässt.

Hanna: Liebe Ivonne, vielen herzlichen Dank für deine Zeit für unser kleines Interview.

Ivonne Keller: Ich danke dir für deine spannenden Fragen!

Hier geht’s zu den Rezensionen zu „Hirngespinster“ & „Lügentanz“:

https://wholovesabook.wordpress.com/2015/08/18/ivonne-keller-luegentanz/
https://wholovesabook.wordpress.com/2015/08/15/ivonne-keller-hirngespinster/

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