Interview mit Sandra Baumgärtner & “ Chronik der Hagzissa“

Tinkerbell: Hallo Sandra, schön, dass du dir Zeit nimmst für unser Interview. In der „Chronik der Hagzissa“ geht es um Hexen, heute wie früher, was fasziniert dich so an diesem Thema?

Sandra Baumgärtner: Hallo Tinkerbell, und danke für die Interviewanfrage. Für dieses Thema interessiere ich mich schon sehr lange. Aber früher kannte ich Hexen nur aus Märchen, Kinofilmen oder Büchern. Als ich vor gut 15 Jahren nach Trier zog und dort studierte, stieß auf Informationen zu tatsächlich stattgefundenen Hexenverfolgungen und –prozessen. Dies weckte meine Neugierde und ich suchte gezielt nach Informationen dazu. Ich las Fachbücher, forschte im Internet und sammelte so immer mehr, teils sehr grausame Fakten darüber. Das mir bis dato geläufige Hexenbild einer meist rothaarigen, buckeligen Alten musste ich überdenken, denn es waren meist ganz normale Menschen, Alte wie Junge, Bauern ebenso wie Bürgermeister, ja sogar Geistliche, die dem Hexenwahn zum Opfer fielen. Die Gründe dafür waren mannigfaltig.
Einerseits ist es Faszination an der Komplexität dieser geschichtlichen Epoche, andererseits die unendlichen Möglichkeiten, die dieses Thema für ein Fantasy-Buch bietet. Chronik der Hagzissa

Tinkerbell: Worin liegt für dich der Unterschied in dem Zusammenhang zwischen früher und heute, und gibt es heute Hexen?

Sandra Baumgärtner: Wenn man das Thema `Hexe´ realistisch diskutieren möchte, muss man auch immer die gesellschaftlichen Hintergründe und die Zeit im Blick behalten. Im späten Mittelalter/Frühe Neuzeit waren Mystik und Aberglaube ein fester Bestandteil des Alltags. Das Verständnis für Naturwissenschaften war noch nicht vorhanden, hinzu kamen gesellschaftliche Probleme.
Heute hingegen glauben wir die Natur durchschaut zu haben und sie einigermaßen beherrschen zu können. Dennoch gibt es Dinge, die wir uns nicht erklären können. Wie zum Beispiel Menschen mit besonderen Fähigkeiten (z.B. Aurenseher oder Reiki). Sind das nur Scharlatane? Vielleicht stempeln wir sie als solche ab. Aber wer weiß? Vielleicht sind sie moderne Hexen. Diese werden übrigens leider auch noch heutzutage und gerade in jüngster Zeit vermehrt hingerichtet. Das Thema `Hexenverfolgung´ ist also noch lange nicht beendet.

Tinkerbell: Was meinst du genau mit „hingerichtet“ in Bezug zur heutigen Zeit?
Und: Wie sieht für dich die moderne Hexe aus?

Sandra Baumgärtner: Zum Beispiel in Afrika, Indonesien, Mexiko und Indien ist der Glaube an Unheil bringende Hexen nach wie vor präsent. Dabei sind die vermeintlichen Hexen heute -wie früher auch schon- Sündenböcke für schlechte Ernten, Krankheiten und Unglücke. Eine Verurteilung zieht meist die Todesstrafe nach sich, was von den Regierungen oft gebilligt, oder gar unterstütz wird. Wie gesagt: Ich rede hier nicht von 1515, sondern von 2015! Wer sich für dieses Thema interessiert, muss einfach im Netz nach `Hexenverfolgung heute´ suchen. Es gibt auch ein ZDF-Film darüber.
Ich habe keine Erfahrung mit modernen Hexen, bzw. Frauen/Männer, die sich gerne als solche betiteln. Aber ich stelle sie mir als feinfühlige, philanthropische Personen vor, denen das Wohl ihrer Mitmenschen am Herzen liegt. Also das genaue Gegenteil dessen, was wir aus Märchen von Hexen kennen.

Tinkerbell: Was wissen wir noch nicht über Hanna und ihre Oma? Wen hattest du vor Augen, als du beide Frauen ins Leben gerufen hast?

Sandra Baumgärtner: Ich darf es eigentlich nicht verraten, aber Hannas erster Freund war der Sohn eines Bauern. Dieser betrieb eine Kaninchenzucht. Jedes Mal, wenn Hanna die dunklen Auren um die kleinen Hasengesichter sah, wusste sie, dass der Schlachttag anstand. Das fand sie als Vegetarierin nicht sonderlich toll. Also hat sie den Typen recht schnell wieder abgelegt.
Oma Rosina hatte eine interessante Vergangenheit. Als Backfisch war sie wild entschlossen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, war bisweilen störrisch, dabei aber immer liebenswert. Und sie war gleich zweimal verheiratet. Das war zu ihrer Zeit ein absolutes Tabu. Rosina störte es jedoch nicht und ging ihren Weg. Ihre Freundinnen Marga und Tine standen ihr dabei immer zur Seite.
Für beide Frauen hatte ich keine konkreten Vorbilder. Wie bei vielen meiner Charaktere sind sie Melangen aus verschiedenen (lebenden, toten oder fiktiven) Personen.

Tinkerbell: Wie müssen wir uns deine Arbeit an diesem Buch vorstellen, von Anbeginn an? Hattest du viele Termine mit Dr. Rita Voltmer, der Dozentin im Fachbereich Geschichte an der Universität Trier? (d.h. wie setzt sich dein Schreiballtag aus Recherche, Schreiben und der eigenen Familie zusammen?)

Sandra Baumgärtner: Am Anfang war die Idee… *lach*. Ja, so simpel war das. Der Arbeitstitel der Geschichte war Die Hexe von Trier. Ich wusste, ein Teil würde zu Zeiten der Hexenverfolgung spielen und ein anderer in der heutigen. Ich entwickelte das grobe Gerüst meiner Geschichte, setzte mir Start- und Endpunkte in beiden Zeitebenen und begann zu schreiben. Zunächst den Teil, der im Jahre 1584 beginnt. Leider machen meine Protagonisten selten das, was ich von ihnen erwarte. Sie mäandern nach Belieben und kümmern sich nicht um den von mir für sie vorbestimmten Weg. Aber das ist eigentlich auch gut so, denn somit wird mir beim Schreiben nicht langweilig.
Als Basis-Recherche hatte ich genügend Fachbücher über die Hexenverbrennungen gelesen. Zusätzlich stellte ich Frau Dr. Rita Voltmer per Mail konkretere Fragen, zum Beispiel zu den Amtsbereichen der Ausschüsse, zum konkreten Ablauf eines Prozesses oder einer Hinrichtung etc. Glücklicherweise wurden mittlerweile sehr viele alte Prozessakten und Vorträge digitalisiert und ins Internet gestellt. Das machte die intensive Recherche, die für so ein Projekt wichtig ist, einfacher. Hinzu kamen Telefonate mit Fachkundigen, die sich im Meulenwald bestens auskennen, ein Gespräch mit einer Imkerin und der Besuch im Kloster St. Matthias.
Natürlich hätte ich viele Dinge einfach erfinden und mir somit viele Reisen/Besuche/Zeit sparen können. Mir ist aber immer wichtig, dass fiktive Charaktere an real existierenden Schauplätzen wirken. Wenn ich weiß, wie die Architektur an Punkt A oder B beschaffen ist, wie die Sonne dort wirkt oder wie es riecht, dann kann ich diesen Ort dem Leser viel anschaulicher vermitteln. Das ist wohl auch der Grund, warum ich mich in der Urban Fantasy –oder Real Fantasy – so heimisch fühle.
Die Familie geht natürlich vor und macht den Hauptanteil meiner Arbeit aus. Aber wenn mich eine Geschichte/Idee/Textpassage gefangen nimmt, schreibe ich wann und wo und worauf auch immer es geht. Da muss dann schon mal ein Kajal als Stift, der Anrufbeantworter als Diktiergerät oder der Gatte als Sekretär herhalten. Es kann morgens in der Früh, mittags am Tisch oder weit nach Mitternacht im Bad sein. Wenn es hart kommt, muss die Welt für ein paar Stunden bis Tage ganz auf mich verzichten. Glücklicherweise habe ich eine großartige Familie, die mich immer unterstützt. Ohne deren Hilfe wäre so etwas überhaupt nicht möglich.

Eingang zum Kloster St. Matthias
(Der Eingang zum Kloster St. Matthias)

Tinkerbell: Was war das Besonderste am Arbeiten an „Chronik der Hagzissa“? (Ereignis evtl. , …)

Sandra Baumgärtner: Das Schönste war tatsächlich die Recherche. Im konkreten Fall die Führung mit Bruder Valerius durch das Kloster St. Matthias. Hannas und Leifs Eindrücke und Empfindungen, als sie das Kloster besuchen, sind die meinen! Bruder Valerius ist ein wandelndes Lexikon. Er hat mir sehr viele interessante Details über die Geschichte und die Architektur des Klosters erzählt. Ich bekam dadurch einen wunderbar lebendigen Einblick in den Klosteralltag, damals wie heute. Leider war Bruder Valerius´ Zeit begrenzt. Ich hätte ihm noch Stunden lang zuhören können!

Tinkerbell: Mit welchen Themen und künftigen Werken ist bei dir zu rechnen? Werden sie wieder im Papierverzierer Verlag erscheinen? Welche phantastischen Wesen werden künftig in deinen Werken zu sehen sein, und welche demnächst?

Sandra Baumgärtner: Ich bin in der Fantastik zu Hause. Ihr werde ich auch zukünftig treu bleiben. Und gerne auch dem Papierverzierer Verlag, bei dem letztes Jahr mein Kinderbuch Vampi-Die kleine Vampirfledermaus und diesen März die Chronik der Hagzissa erschienen sind.
Aktuell schreibe ich an einem Dreiteiler, dessen genaue Thematik ich hier jedoch nicht verraten möchte. Es soll ja spannend bleiben. Aber alleine der Arbeitstitel OZ sollte genug Hinweise darauf geben, wo die Geschichte diesmal angesiedelt ist. Selbstverständlich werden phantastische Wesen darin vorkommen. Vielleicht gebe ich auf meiner Homepage/Facebookseite demnächst einen kleinen Hinweis darauf, welche es sein werden. Reinschauen lohnt sich also. 😉

Wald 2
(Meulenwald)

sandraimmeulenwald

EIN GANZ HERZLICHES DANKESCHÖN AN SANDRA BAUMGÄRTNER FÜR IHRE ZEIT & IHR ENGAGEMENT!

Eine Rezension zur „Chronik der Hagzissa“ findet ihr bereits bei mir 🙂

Hier geht’s zum Verlagslink: http://www.papierverzierer.de/chronik-der-hagzissa.html

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