Amy Forster – Der Himmel über Berkeley Park

Amy Forster oder auch als Isabel Beto bekannt, veröffentlichte bereits einige Romane. In ihrem neuesten Werk wandte sie sich nicht ihrer Leidenschaft Südamerikas zu, sondern der zu England. London. Es wird eine Welt des Umbruchs beschrieben, vor Ausbruch des ersten Weltkrieges. Zwei Hauptprotagonistinnen ringen um die Aufmerksamkeit des Lesers und stehen sich dabei gern selbst im Weg.

derhimmelüberberkeleypark
Forsters Leidenschaften zu fremden, exotischen Welten lebt sie in einer von beiden sehr genau und gut aus: Auguste von Schongau. Diese liebt es gegen den Strom zu schwimmen, widersetzt sich fast sämtlichen Klischees und Rangordnungen und bringt das Haus ihres Ehemannes, den sie schon früh zu Beginn des Buches kennenlernt, sehr durcheinander und verschafft ihm einen nicht ganz so gesittete Aufmerksamkeit in den Gazetten. All dies passiert natürlich sehr zum Unwollen von Rhys‘ Mutter, von Auguste gern „ihre Drachenschaft“ genannt. Schwiegermutter- und Tochter verstehen sich nicht gut, was bereits am Anfang klar ist. Auguste aber versteht es ihre ungastliche Art und Weise graziös zu steigern, sodass die alte Lady immer mehr an Herzanfällen oder Ähnlichem leidet.
Anfangs bekommt man auch mit ihr Mitleid. Rhys, ihr Sohn, nimmt sie auch zunehmend weniger Ernst, wenn sie sich zurückzieht, weil es ihr mal wieder nicht gut geht. Leider passiert es immer dann, wenn es brenzlige Situationen sind, sodass Rhys ihre Anfälle nur als Ausrede oder Täuschung wahrnimmt, nie aber als eine ernst zu nehmende Erkrankung. Auguste reagiert auf ihre Schwiegermutter gern schonungslos, sieht in sich die unentdeckte Künstlerin, die unbedingt auf die Bühne muss. Rhys und sie lernten sich kennen und lieben, verlobten sich nach bereits einer Nacht des Kennenlernens in Berlin, Augustes Heimat, und kehrten anschließend in das Anwesen von Berkeley Park zurück. Auguste und Rhys spüren die anfängliche Verliebtheit und bekommen nicht mit, wie sich die Gewohnheit in ihren Alltag mischt. Geprägt von eigenem Egoismus und Trauer über die mangelnde Aufmerksamkeit des jeweils anderen lebt sich das Ehepaar auseinander. Ganz zur Freude und aber auch Prophezeiung der Schwiegermutter.
Je mehr sich Auguste in ihrer Kunst verliert, umso mehr verliert sie auch die Liebe und ihre Zuneigung Rhys gegenüber. Als dieser letztlich nur noch ein Krüppel ist aufgrund eines Unfalls bei einem Autorennen, verliert sie auch noch den Respekt ihm gegenüber, sieht ihn nicht mehr als vollwertigen Mann. Diese Phasen, in denen sich die Ehe zwischen Rhys und Auguste befindet, sind sehr impulsive, gefühlvolle und sehr ausgeschmückte Phasen von Forster beschrieben. Dazwischen spielt aber auch die Zofe von Auguste eine große Rolle. Ella. Ella und Rhys haben sich vor Augustes Zeit bereits den Schranken, die der Liebe in der Gesellschaft auferlegt worden ist, hinweggesetzt und liebten sich, hegten tiefe Gefühle füreinander bis zu dem Tag, an dem Ella durch einen schrecklichen Unfall ihr Gedächtnis verlor. Fortan wird die Zeit begraben mit Ablenkungsmanövern, stillen Gedanken an die damalige Zeit und überschattet von einer darauf folgenden Frau für Rhys, die er sich selbst aussucht und es später – so könnte man meinen, bereut.
Forsters Schreibstil ist sehr natürlich, lebendig und die Authentizität der Figuren bringt sie gut rüber. Auch diese sprechen zwar nicht in der alten Sprache durchgängig, aber Begrifflichkeiten wie „Ladyschaft“ beispielsweise halten Einzug in die 467 Seiten des Taschenbuches. Dass die alte Sprache nicht verwendet worden ist, stört nicht weiter. Figurentechnisch hat Forster wirklich zwei authentische Frauen geschaffen, die nicht gegensetzlicher hätten sein können. Beide leben in einer Zeit, in der es verpönt war, dass Frauen Auto fahren (lernen konnten) oder gar arbeiten gehen. Auguste von Schongau stellt sich sämtlichen Klischees dieser Zeit und marschiert mit ihrer Art dagegen an, sei es auch noch so aufregend – sie ist dabei. Wenn es ihrer Karriere etwas nützt oder sie gar in den Mittelpunkt stellt oder ihre Kunst die Öffentlichkeit dadurch erreichen kann, Auguste lässt sich hier berauschen. Ob mit oder ohne Kokain. Ihr Egoismus und ihre nicht vorhandene Nächstenliebe ist grenzenlos, so möchte ich meinen. Rhys dagegen tut mir leid. Er als guter Ehemann, wenn auch einbeinig, hat es nicht verdient, so behandelt zu werden. Leider ist genau das Verhalten von Auguste, was stets im Mittelpunkt des Romanes gerückt ist und die Gefühle von Rhys oder sein Handeln und Tun leider sehr schwach dargestellt hat. Man ist sogar genervt von Auguste, ihrer Art und ihrem Gerede. Lieber mehr hätte ich den Fokus auf Ella und Rhys, vorzugsweise aber Rhys, auch als Einzelperson, gern gelegt. Da wären die Lesestunden etwas weniger genervt abgelaufen und man fühlt sich am Ende des Romanes nicht nur fassungslos von Augustes Abschied mit der stets übertriebenen Theatralik, sondern auch wie ihr eigener Vater. Erschöpft von ihr selbst.
Es ist ein Buch mit vielen Höhen und auch Tiefen, stets von den handelnden Figuren geprägt. Historisch gesehen kommt wenig an Informationen rüber, lediglich die groben Eckdaten der Standesunterschiede und der damaligen Rolle der Frau werden mit unseren zwei gegensetzlichen Protagonistinnen vorgeführt. Wie das Leben eben so spielt, genauso spielt auch der Roman in der Zeit von 1911 zwischen Berlin und London, Berkeley Park.

Hier geht’s zur Verlagswebsite: http://www.droemer-knaur.de/buch/7895638/der-himmel-ueber-berkeley-park

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