Jan Reschke – Die Ummauerte Stadt

Kontrolle durch den Staat. Hilflosigkeit, Unterdrückung und Machtmissbrauch. Angst vor dem Tod, Angst vor dem Staat und der unkontrollierbaren Meute an Wachtposten, die mit Willkür handeln. Schuldgefühle, Tragödien und die Frage nach der eigentlichen Moral stehen in Jan Reschkes Debütroman im Fokus.
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„Die Ummauerte Stadt“ erschien als Crowdfunding Projekt „Gedankenwildwuchs“ zwischen dem Luzifer Verlag und dem Papierverzierer Verlag. Der als Sportlehrer tätige Autor schafft es mit seinem Roman den Wiedererkennungswert eines totalitären Staates herzustellen. Welche realen Beispiele wir in Deutschland unter anderem finden, sei dahingestellt – diese finden in seinem Werk keinerlei direkten Berührungspunkt.
Doch – worum geht’s?
Es gibt eine zentrale Versorgungsstelle, es gibt das Werk und die Ummauerte Stadt. Drei Orte, über die das 12er Gremium herrscht, bestimmt und die Kontrolle über die Bevölkerung ausübt. Dazu zählen Politiker wie Kanzler Faltenmeister, Generäle, Werksvertreter, Wissenschaftler wie Dr. Lang und Abgesandte der Kirche, hier Erzbischof Benedikt. Sie erlassen in Abstimmung zueinander Gesetze, die anschließend von Kommunikatoren in den jeweiligen Bezirken bekanntgegeben werden.
Block 19 ist ein solcher Bezirk. Der Kommunikator ist Goran Stankevic. Dieser hat mit ständigen Unruhen, und Diskussionen zu kämpfen. Denn: Er ist dafür zuständig, alle neuen Gesetze und Regelungen der Regierung in seinem Blick weiterzugeben und gegebenenfalls zu vermitteln. Vor allem am Tag der Versammlung hat er es, nach einer Bekanntmachung, mit den hitzigen Gemütern der Blockansässigen zu tun. Er kann die Gemüter seiner Blockgenossen durchaus verstehen, hat er doch selbst seine Frau an die Regierung bereits verloren. Und trotzdem arbeitet er weiter für die Regierung. Der Schlüssel hierfür, welcher sein Handeln über all die Jahre bestimmt und ihm Hoffnung auf ein neues Leben und Wiedersehen mit seiner Frau gibt, folgt nach etwa der Hälfte des Buches.
Die Bewohner der Ummauerten Stadt haben mit ständigen Unruhen zu kämpfen, immer wieder kommt es zu Umlagerungen, Zwangsenteignungen, Verschleppungen. Es gibt eine Ausgangssperre, nach der sich jeder Bewohner zu richten hat. Diese wird durchgesagt. Essen ist rationiert und die Abholung erfolgt nur auf Zuteilung. Fleisch und Algen sind es hier.
Die Bewohner des Werkes dagegen profitieren von ihrer dortigen Arbeitsstelle und haben komfortablere Wohnungen, wesentlich mehr Essensauswahl, mehr Freizeitmöglichkeiten – kurzum, es ist das, wovon jeder aus der Ummauerten Stadt nur träumen würde. Es ist ein Stück mehr Freiheit, die dennoch räumlich begrenzt ist und man steht unter noch genauerer Dauerüberwachung. Denn wer einmal dort ist, kommt nicht mehr heraus.
Diese Dauerüberwachung, die Kontrolle durch den Staat und die immer zunehmenden Sanktionen gegenüber den Bewohnern der Ummauerten Stadt, führen im Innern zu Angst und zu Fragen, die sich Jeremiah, ein junger Mann aus dem Block und Hauptprotagonist des Buches, wie viele seiner Mitleidtragenden schon mehr als einmal gestellt hat – Gibt es noch Hoffnung auf ein besseres Leben? Wie viel muss ich noch ertragen? Was darf ich riskieren, wenn ich mich dagegen wehre? Andere in Mitleidenschaft ziehen, möchte ich schließlich auch nicht…
Jeremiah ein Sammler, der unter anderem dafür von der Regierung gejagt wird, dass er sich außerhalb der Ummauerten Stadt aufhält, um dem Schrottplatzhändler Dix, und anderen seiner Block 19-Genossen einige Mitbringsel aus der damaligen Welt mitzubringen. Häufig sind es Gegenstände wie beispielsweise Rohre, die genutzt werden für Reparaturarbeiten, oder Ähnliches, selbstverständlich so, dass der Staat selbst nichts davon mitbekommt.
Jeremiah hat immer mehr den Wunsch nach Gegenwehr und lässt auch Riana, seine Freundin und Mitbewohnerin, von seinen Gedanken wissen. Aus Angst und zu seinem Schutz wie auch der Anderen versucht sie ihn von seinen Plänen, sich gegen die Regierung zu stellen, abzubringen, doch es hilft nichts. Es folgt die Trennung und kurz nachdem die Ereignisse sich zugespitzt haben, erkennt Jeremiah, dass er nun endgültig etwas unternehmen musst – für Riana, für das „Wir“-Gefühl und für sich selbst. Währenddessen freundet er sich immer mehr mit Goran Stankevic an, sodass dieser ihm aufgrund der entstandenen Vertrauensbasis von seinem Unmut und der Trauer um seine verschollene Frau gegenüber erzählt. Die Regierung hat seine Frau. Was genau mit ihr ist, weiß er bis zu diesem Zeitpunkt nicht, doch er will es herausfinden. Mit seiner Mitbewohnerin Ivanna hecken beide Männer einen Plan aus, die Regierung in ihrem Kern selbst zu stürzen. Ob es gelingen mag, lasse ich an dieser Stelle nun offen.
Der Endzeitthriller / Science-Fiction Roman ist in sich logisch, sehr flüssig geschrieben und weist durch seine vielen Ellipsen einen sehr eindringlichen Schreibstil auf, durch den man kaum das Buch aus den Fingern legen kann. An mancher Stelle waren es zu viele, was übertrieben wirkte, zu sehr gewollt und für mich nicht zur Situation passend. Der Schreibstil des Autors hebt sich jedoch wirklich von dem anderer Autoren ab. Er beschreibt weniger, als man es vermuten könnte und dennoch schafft er eine klare Vorstellung jener Situationen.
Perspektivwechsel sind selbstverständlich auch hier vorhanden. Zum einen wird aus der Ich-Perspektive von Jeremiah erzählt. Auf der anderen Seite steht die verwirrende Ich-Perspektive eines Gefangenen, welcher in der Zelle 12 steckt. Man merkt bereits früh, dass hier etwas nicht stimmt. Bald wird aber auch das Geheimnis gelüftet. Zum Verständnis sei hier erwähnt: Im Laufe der Handlung kommt es dazu, dass Goran sich einschleusen lässt unter dem offiziellen Vorwand für das Werk zu arbeiten. Man soll die Nahrungsproduktion genauer unter die Lupe nehmen. So auch – Zelle 12. Erschreckend ist dabei, was Menschen bereit sind zu tun, für welches Geld und welchen Komfort man die eigene Moral hier vergisst.
Interessant ist die Entwicklung von Jeremiah in sämtlichen Zügen und mit sämtlichen Eigenschaften. Vorher war er zögerlich, je weiter man fortschreitet in der Handlung, umso energischer, umso motivierter wird Jeremiah, überzeugt davon, dass sein Handeln das Richtige ist. Es gibt am Ende kaum noch etwas, das ihn aufhalten kann. Wo ich ihn vorher als einen Feigling, als schüchternen Freund und Partner Rianas beschrieben hätte, ist er für mich nach dem Buch ein Kämpfer, dem es um Gerechtigkeit geht und der sich nicht von niemandem abhalten lässt, für die Moral zu kämpfen, und auch den einen oder anderen Toten zu verantworten hat. Früher gärte der Wunsch in ihm, etwas gegen die Regierung zu unternehmen, gegen Ende wagt er es. Goran und Ivanna taten ihr Übriges hierzu. Je weiter die Handlung fortschreitet, umso mehr konzentriert sich Reschke auf seine zentralen Fragen, die Handlungen der Regierung und das immer größer werdende Aufbegehren der Bevölkerung, zu dessen Sprachrohr man unter anderem Jeremiah durchaus zählen kann.
Was sich am Ende bei der Nahrungsmittelproduktion enthüllt durch Goran, ist alles andere als das, was ich euch vorweg nehmen möchte. Nur so viel – dass alle Schwachen aussortiert werden, ist nichts Neues. Dr. Lang sieht sich hier als Entscheider, gedeckt durch die Regierung. Letztere steht dafür „[…] all das, was wir tun, unterliegt der Maxime der Wirtschaftlichkeit und Effizienz.“ (S.176)
Alles in allem war es für mich ein sehr spannendes Buch. Gerade für einen Debütanten ein gelungener Auftakt! Was mich daran so fesselte, war letzten Endes die Darstellung dessen, wie das Handeln der Menschen bestimmt war aufgrund der Vorgeschichte. Gerade die Zeit, in der das Bild des Werks, dass sich in meiner Vorstellung mit all seinen Regelungen, seiner stringenten Überwachung manifestierte, fand ich sehr spannend. Was mir jedoch viel zu kurz kam, war die Erklärung, wie es zu einem solch totalitären System überhaupt kommen konnte.

Hier geht’s zum Verlagslink:
http://papierverzierer.de/die-ummauerte-stadt.html
http://www.luzifer-verlag.de/die-ummauerte-stadt-jan-reschke/

Ein Interview ist auf der Interview-Seite auch vorhanden!

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