Michael Dissieux: Graues Land #1

Der Titel von Dissieuxs Roman sagt bereits alles aus. Es geht um ein graues Land, ein Land, das seine Farbe verloren hat. Die Frage am Anfang lautet also: Warum? Wie ist es dazu gekommen?
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Hineinkatapultiert wird man jedoch mit einer Situation, in welcher ein kleiner Junge, der den Namen Deryll trägt, regelmäßig Zeitungen an die Einwohner eines kleinen Ortes austrägt. Deryll selbst registriert bereits, dass etwas in der Welt vor sich zu gehen scheint. Was aber genau das ist, weiß er nicht. Harv Jennings, der im Prolog die Zeitung entgegennimmt und Deryll aufgrund seiner Pünktlichkeit lobt, spürt nur, dass sich etwas tut, legt es aber zur Seite, als wäre es unwichtig.
Die Welt ist in den Schilderungen des, in der Ich-Person erzählenden, Harv Jennings dem Abgrund näher, als er selbst es bis zuletzt begreifen mag. Liebevoll und voller Hingabe pflegt er seine, aufgrund des Alters vermutlich, pflegebedürftig gewordene Frau, Sarah, bis zum letzten Schicksalsschlag, der ihn unweigerlich gegen Ende der ca. 260 Seiten einholen musst. Leider.
Bei Dämmerung laufen Gestalten herum, die Harv „Shoggothen“ nennt, sie kratzen an Türen und Fenstern, versuchen sich Zugang ins Hausinnere und zum Menschen direkt zu verschaffen. Anschließend beißen sie zu oder zerfleischen den Menschen ganz. Der Tod tritt jedoch nur bei Letzterem ein. Werden sie nur gebissen, verwandelt man sich nach und nach, man verwest innerlich wie äußerlich. Im Inneren kann man noch gegen das „Vergessen“ ankämpfen, sodass man sich nicht gleich selbst in einen Shoggothen verwandelt, sondern erst nach einiger Zeit. Harv Jennings hat es selbst erleben dürfen – diese Halbtoten bitten ihn, sie, die Halbtoten, zu töten. Erst dann, wären sie richtig tot. Erst dann können sie Niemandem mehr schaden.
Harv Jennings realisiert Stück für Stück, dass die Situation aussichtlos ist. Immer wieder erinnert er sich an den Anblick der Nachrichtensprecherin und an ihre Sorge die Welt betreffend, die er in ihrer Stimme wahrnahm. Die Essensvorräte gehen zur Neige. Das Telefon funktioniert nicht. Überall in seiner Umgebung außerhalb der eigenen vier Wände legt sich ein grauer Schleier. Besonders tragisch ist für ihn, als der einst vertraute Nachbar, mit dem man gemeinsame Erinnerungen teilte, ihn von dessen eigener Tür nach Hause schickt bzw. ihn auf der Straße stehen lässt und zusätzlich noch mit einem Gewehr bedroht. Er traut seinen eigenen Ohren und Augen in diesem Moment nicht. Seine Gedanken und Worte sind im Laufe der Erzählung sehr detailreich, einfühlsam und vor allem ruhig erzählt, sodass man nach und nach an das Geschehen herangeführt wird. Nichts passiert zu schnell oder zu langsam, Dissieux lässt nicht zu, dass ein wichtiges Umgebungsdetail etwa fehlt oder unnötig dazu erdacht werden muss, damit die Geschichte stimmig ist. Harv Jennings ist der optimal gewählte Protagonist im Alter von ca. 70 Jahren, dem es schwer fällt zu begreifen, was mit seiner Welt, unsere realen Welt, passiert.
Der Kontrast zwischen dem grauen Land und dem, was vorher war, sowie dem, was Harv fühlt, als er von seinem Sohn und dessen Tochter, Barry und Demi, besucht wird, könnte deutlicher nicht sein. Trostlos und trist wird das Land beschrieben. Passend dafür ist die immer sich wiederholende Metapher „graues Land“, die alles an Emotionen aufsaugt und damit ausreichend beschreibt. Alle Emotionen haben sich, je weiter man las, bei Harv heruntergeschraubt. Erst als er seine Enkelin und seinen Sohn überglücklich in die Arme schließen konnte, erst dann, fühlt er wieder etwas Glück in seiner Realität. Denn bei Sarah verbanden ihn nur noch Erinnerungen an die alten Zeiten, jetzt konnte sie sich weder äußern, noch rühren. Sie schlief dahin und war, wie Harv Jennings es nach Demis Hinweis selbst bezeichnete, „in ihrer eigenen Welt“, wo sie, laut Demi, vermutlich auch glücklicher war als hier.
„Graues Land“ ist ein sehr ruhiger Roman, er hat keine actiongeladenen Szenen. Nichts, was gebraucht worden ist, um unnötige Effekthascherei zu betreiben. Es ist ein intensivesBuch, dass sich mit mehreren Aspekten befasst. Zum einen: Mit einem Zitat von Stephen King „… die Welt hat sich weitergedreht…“. Zum anderen spiegelt es in schemenhaften Aspekten das menschliche Verhalten in Notsituationen wider, die Entwicklung von Harv Jennings ist gigantisch. Das Ende tragisch, jedoch vorhersehbar. Ein weiterer Ansatzpunkt des Buches ist die etwas andere Darstellung von Endzeit. Es geht nicht darum, dass „Shoggothen“ gleichzusetzen sind mit Zombies. Sie sind anders, sie verwandeln sich, nach und nach, der Mensch an sich, nämlich das, was ihn ausmacht an Werten, Empathie und Emotionalität bleibt vorerst erhalten. Dies bröckelt jedoch sehr schnell und verschwindet, meist innerhalb kürzester Zeit, bis an deren Stelle ein willenloses, nach Fleisch zehrendes Wesen tritt, dass nur noch eine äußere Hülle ihrer Selbst ist.
Das Interessanteste wohl an diesem Buch war für mich die Erfahrung zu machen, dass man mithilfe weniger Dialoge, weniger Handlungen eine so kompakte Geschichte zustande bringt, die sich ruhig und energisch zugleich lesen lässt. Aufgebaut ist „Graues Land“ von Michael Dissieux in Kapiteln, die die Namen derer tragen, denen Harv Jennings im Laufe der Handlung begegnet, auch sich selbst. Jede einzelne Person, die in dieser Zeit in Harvs Leben tritt, prägt sein Verhalten und Denken gegenüber den Geschehnissen. Umrandet wird dies alles von Daryll, dem Zeitungsjungen, der im Prolog Harv Jennings die letzte Zeitung übergibt, im Laufe der Zeit für Tod gehalten wird und im Epilog in der Schule erwacht und sich aufmacht in die weite Welt. Eine Begründung bleibt übrigens immer noch aus, wie es dazu kommen konnte – dass die Welt so zugrunde geht. Und sich einfach weiterdreht …

Hier geht’s zum Verlag: http://www.luzifer-verlag.de/graues-land-michael-dissieux/

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