Verkleidung, Gewalt mit Details -Zoe Zander & „Geraubte Seele“

Zoe Zander – eine Person, welche sich mit einem Pseudonym einen Namen machen will.

Der Debutroman: „Geraubte Seele“ ist schonungslos und eindringlich, er raubt einem jeglichen Schlaf.

Was vom Cover her eher an ein Graphic Novel erinnert, ist ein Novel im andersartigen Sinne.

Auf nicht einmal knapp hundert Seiten wird ein Eindruck der vollständigen Einsamkeit, des Verlassenseins, einem einzigen Wunsch: Rache zu verüben, geschaffen. Knappe, präzise aneinander gereihte Sätze, detailliert beschriebene Szenen, welche unter die Haut gehen lassen den Leser emotional an Handlungen und Gefühlen von Alex‘ teilhaben.

Alex ist die Hauptfigur, die Antiheldin, die Figur, welche sich mithilfe des Buches in die Realität, in unsere Realität, kämpft und anschaulich zeigt, dass auch ihr Leben, das Leben einer Edelhure, weder einfach, noch billig ist. Dass es Gründe gibt, warum Menschen sich von ihren Gefühlen leiten lassen, ist klar – doch gibt es Gründe, seinen eigenen Körper zu verkaufen? Drei Tage vor einem anstehenden Treffen zu hungern, sich selbst zu belügen, zu verkaufen und missbrauchen zu lassen – und das alles freiwillig?

Gibt es Gründe, alles von Bord zu werfen, kein Licht mehr in sein Leben zu lassen und sich den Trieben anderer vollständig, nackt in sämtlichen Varianten hinzugeben?

Platon’s These „Gute Menschen brauchen keine Gesetze, um gezeigt zu bekommen, was sie nicht dürfen, während böse Menschen einen Weg finden werden, die Gesetze zu umgehen.“ bekommt mit „Geraubte Seele“ einen eigenen Touch.

Alex ist verkauft worden an ein Bordell. Wegen einem Mann, blieb für einen Mann – lässt vieles mit sich machen. Schonungslos wird man gleich zum Romanbeginn in eine Petplay Szene eingeschleust, wird zum weiterlesen aufgefordert aufgrund der sich unablässig, durchziehenden Sogwirkung der detailreichen Wortgewalt Zoe Zander’s.

Aufstaffiert wird der Inhalt durch den Hurenalltag der Antiheldin, welche tagsüber, tagelang ihren Schmerzen der SM / BDSM Treffen erliegt, um nachts alle paar Wochen einen Termin erneut wieder wahrzunehmen. Kalt, gefühllos, attributlos, doch nicht wertlos werden Beschreibungen vermittelt. Knappe, kurze Sätze sprechen von Dringlichkeit, einem Hilferuf von Alex‘. Manifestiert wird dieser Eindruck sehr gut durch die Ich-Bezogenheit der Erzählweise. Dies wird gewahrt trotz der nicht gegenwärtigen Sprache. – Doch die Vergangenheit bleibt bekanntlich immer ein Teil der Gegenwart, oder?

Auch die Struktur ist sehr darauf fixiert. Kapitel gibt es nicht, dafür allerdings Absätze, um Personen- und Tempowechsel wahrzunehmen, sie zu steigern. Doch gerade das ist es, was den Debutroman ausmacht – ständiger Wechsel, Tempo im gesteigerten Sinne der Beschreibungen, welche nach Ende des Werkes mich als Leser schlucken ließen und ich mich zeitweise fragte: Ist es nicht eher eine lange, ausführliche Kurzgeschichte?

Betrifft Alex‘ Schicksal nicht auch Andere?

Wurden nicht viel mehr Menschen ihrer Seele beraubt?

Haben nicht mehrere Seelen den Körper verloren?

Man verliert sich oft in Alex‘ Körper.

Auch, wenn so manche Gedanken unausgesprochen bleiben, nicht geschrieben stehen – Zoe schafft Freiheit und Raum für den Leser. Platz für Ideen.

Letztlich gelingt Alex‘ dies auch.

Am Ende. –

Den Grund die Gewalt, Befehle, das Unterdrücken der eigenen Emotionen zuzulassen, wird mit „Rache“ benannt. Einem starken Wort. Ausdrucksraffiniert. Unangenehme Aufträge zu ertragen, gehört zu ihrem Job, gehört zu ihrem Ziel ihrem damaligen Peiniger, ihrem ehemaligen Geliebten das Handwerk zu legen. Als Wahnsinn beschrieben, und auf Seite 43 dargestellt als „der kleine Tod“, finanziert sich die in einer WG lebende Studentin dadurch, schafft sich selbst Narben und zwingt sich und ihren Körper stets zum Selbstheilungsprozesses. Welche Rolle ihr damaliger Mitbewohner, gleichnamig, jedoch einnimmt, dem will ich nicht vorweggreifen. Nur so viel: Der Wahnsinn geht nicht spurlos an ihm vorbei.

In „Geraubte Seele“ finden sich viele Rachemotive, Hinweise, welche darauf hindeuten, es wird dazu kommen. Alex wird sich rächen. Spannend ist hierbei: Sie lässt weiterhin körperliche Nähe von ihm zu, schottet sich gedanklich jedoch ab. Psychologisch gesehen, eine Selbstlüge? Nicht zwangsläufig. Geht man davon aus, dass Sie zielorientiert vorankommen will, ist es ein Mittel zum Zweck. Denn: Wie bereits oben im Platonschen Zitat erwähnt, war der Rachebestimmte derjenige, welcher verantwortlich ist, dass Alex‘ dort ist, wo sie jetzt ist. Dass sie das macht, was sie macht. Dass sie es mit sich machen ließ, was geschehen ist – ohne Beistand. Ohne Hilfe. Und das alles anfangs aus Liebe.

Fazit?

Missbrauchte Liebe, Raub der Gefühle in Form des Unterdrückens. Beides zusammen? Eine sich und durch andere beraubte Seele, welche sich frei kämpft aus all den Zwängen der Gesellschaft, sich verziert und verkleidet, vulgäre Sprachweise auffährt, um dem Leser sich der Realität und seiner Umwelt bewusst zu werden, was es bedeutet – beraubt zu werden, missbraucht zu werden, dass es nicht nur Triebe sind, welche die Menschen steuern.

Alexandra Gerin – eine Figur, erschaffen zur Macht, zur Verwirklichung vieler Sexfantasien, welche sich durch die SM / BDSM Szene von einem zum nächsten Auftrag hangelt, authentisch, real und klar. Unverblümte Schreibweise, vulgäre Sprache. Nahegehend.

Dafür, dass es seitenweise Beschreibungen hagelte, war der Schluss zwar überraschend, jedoch zu hektisch und zu kurz. Der Detailreichtum vom Anfang zerbröckelt schlagartig, sehr schade.

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