Stefanie Maucher über „Fida“

TINKERBELL: „Fida“, die Geschichte eines jungen Mädchens, Laura Wenz, die verzweifelt gesucht wird von ihren Eltern. Was war der Auslöser, der dich zum Schreiben von solch einer Geschichte bewog? War es ein Traum? Eine Eingebung, oder vielleicht etwas anderes? STEFANIE MAUCHER: Nein, der Auslöser für „Fida“ war das Bild eines Hamburger Fotografen, ein schlichtes Brennnesselgebüsch, in dem sich Draht und etwas Schnur, wie der Bändel eines Sweatshirts verwickelt hatten. Noch ein paar tote Zweige dazwischen, das war alles. Dazu schrieb ich eine Kurzgeschichte, mit gerade mal drei Seiten Umfang, über eine Frau auf der Suche nach ihrem Kind. Die Anfangsszene von Fida, nur mit sehr bösem, knackigen Mittelteil. Diese Szene hatte Sogwirkung, ich wollte mehr über diese Frau schreiben – und so entstand „Fida“.

TINKERBELL: Also drängst du deine Figuren nicht in eine Richtung, sondern lässt sie sich selbst entwickeln? Was ich begrüße, und toll fand beim Lesen. Man spürte eine Leichtigkeit und konnte sich sowohl in Laura / Fida, wie auch in ihre Mutter sehr gut hineinversetzen. Die Handlungsstränge, die du geschaffen hast, bzw. die sich so entwickelt haben, sind nicht gewillt platziert worden, nehme ich an. Stefanie Maucher: Nicht direkt. Ich habe schon eine klare Idee, was für eine Geschichte ich schreiben möchte. Nachdem ich Tatjana in der Anfangsszene hatte, war sofort die Idee da, was geschehen sein könnte. Die schrieb ich auf. Zunächst als Rohmanuskript, von Anfang bis Ende. Diese Rohfassung habe ich dann ausgearbeitet und noch das eine oder andere verändert, weil einem manche Ideen ja auch erst während des Schreibens kommen. Aber die Grundidee war von Anfang an da.

TINKERBELL: Gibt es einen Grund, die Geschichte 2013 spielen zu lassen?

STEFANIE MAUCHER: Na klar. Ein Teil der Geschichte ist im Präsens erzählt. Das, was wir von Tatjana direkt erfahren, der Mutter des verschwundenen Mädchens. Da das Buch Ende März 2012 erschien ist es nun, für die ersten Leser, tatsächlich „gegenwärtig“. Bei der rückblickenden Handlung, dem Tag von Lauras Entführung, habe ich mich nach einem Sonnenkalender gerichtet, der mir verriet, an welchen Tagen im März 2012 die Sonne zu etwa jenem Zeitpunkt unterging, passend zu dem Teil der Geschichte, als Laura sich in der abendlichen Dämmerung auf den Weg nach Hause macht.

TINKERBELL: Faszinierend. Du hast eine Menge Recherchearbeit hineingesteckt, um die Zukunft so real wie möglich zu gestalten. Und natürlich ist die Realität – leider – genauso grausam, was das Verschwinden von jungen Mädchen bzw. Kindern angeht.

STEFANIE MAUCHER: Das meiste ist meiner Phantasie entsprungen, doch ein wenig Recherchearbeit bleibt nicht aus Manche Leser sind durchaus kritisch und hängen sich an „Kleinigkeiten“ auf. Da ist es einfach ein Ding der Unmöglichkeit, die Sonne schon um sechs Uhr untergehen zu lassen, obwohl sie zu der Jahreszeit womöglich bis um zehn Uhr am Himmel steht.

TINKERBELL: Du richtest dich sehr nach der Meinung deiner Leser? Aber das kann ich nachvollziehen. Niemand will nur einen Hauch von Realismus, wenn es sich doch offensichtlich auf eine konkrete Realität bezieht. Ganz oder gar nicht.

STEFANIE MAUCHER: Jein. Erstmal kenne ich die Lesermeinung ja nicht, sondern sitze zu Hause und schreibe allein vor mich hin. In erster Linie muss mich mein Manuskript also selbst begeistern und mitreißen. Denn im Gegensatz zum Leser, der flott durch das Buch durch ist, verbringe ich Wochen und Monate damit. Aber natürlich versuche ich mir vorzustellen, wie der Text auf den Leser wirkt und was er daran auszusetzenhaben könnte – sofern ich nicht beim Schreiben vorher draufkomme.

TINKERBELL: Es gibt ja durchaus Autoren, die richten sich direkt nach dem, was gelesen wird, oder lassen es zu, aufgrund von Verleger, Lektor. Daher: Würdest du dich insofern als unabhängig und selbstständig bezeichnen? STEFANIE MAUCHER: Mein „Erstling“ war nicht unbedingt konform mit dem, was die Verlage drucken. Ein Kannibalenroman, gewürzt mit viel schwarzem Humor, bei dem man den Bösewicht amüsant fand und sogar fast schon mochte. Danach, als empörte Schreie über meine Unmoral laut wurden, begriff ich, dass ich, sofern ich nicht nur für ein kleines Nischenpublikum schreiben möchte, vielleicht etwas mehr Augenmerk auf die Moral in der Geschichte legen muss. Natürlich versuche ich, einen bestimmten Markt zu bedienen. Aber ich versuche auch, mein „eigenes Ding“ zu machen, habe nun schon mehr als einen Verlagsvertrag auch abgelehnt, weil die Vorstellungen sich nicht deckten und gehe lieber eigene Wege, als mir zu viel reinreden zu lassen.

TINKERBELL: Wie auch sicherlich in deinen Vorromanen – wie „Kalte Berechnung“ kommt eines auch hier durch: die Gefühlsreise. Hier möchte ich dich gern zitieren: „Fida“ nimmt seine Leser auf eine Gefühlsreise mit, aber keiner hat behauptet, es wird ein schöner Ausflug.“

STEFANIE MAUCHER: Stimmt. Hab ich so gesagt und stehe ich dazu lacht. Ich finde, das beschreibt meine Art zu schreiben recht gut. Man liest nicht nur, man ist sehr emotional involviert, kann sich in mitleidender Weise in die Figuren hineinversetzen. Da es keine schönen Emotionen sind, mit denen ich spiele, sondern Trauer, Wut, Verzweiflung… fällt es mir schwer „viel Spaß“ mit dem Buch zu wünschen, denn das trifft es nicht.

TINKERBELL: Ja, „Fida“ ist nicht nur aus zwei Sichtweisen nicht nur geschrieben, sondern auch in unterschiedlichen Zeiten. Einmal aus der Sicht Lauras und ihrem Entführer und Misshandler, und dann wiederum aus der Sicht der vermissenden, trauernden, verzweifelten und an sich selbst zweifelnden Eltern.

STEFANIE MAUCHER: Stimmt. Das rührt daher, dass mir Tatjana ja zuerst einfiel, zu einem Zeitpunkt, an dem ihre Tochter schon lange verschwunden war. Kleine Nebenrollen haben aber auch andere Figuren bekommen. Einzelschicksale, die mit dem Verbrechen zu tun haben und die ebenfalls kurz beleuchtet werden. Die tragendsten Rollen haben aber die Mutter, das entführte Kind und der Täter.

TINKERBELL: Einer der Nebenrollen ist auch der zu Unrecht beschuldigte Anton Wacholski, nicht? Er teilt das, wenn auch nicht ganz unbegründete Schicksal vieler gestrafter Opfer solcher Ermittlungen. Leider unvermeidlich in den meisten Fällen.

STEFANIE MAUCHER: Ja. Ihn trifft es besonders hart, obwohl er nur zur falschen Zeit am falschen Ort war, es eigentlich gut meinte und sich dabei vielleicht ein wenig dumm anstellte. Das ist nicht das Hauptthema des Buches, aber es ist doch so, dass ein Verdacht, wenn er erst mal an einem haftet, oft sehr schwer wieder loszuwerden ist. Wenn man über so ein Verbrechen schreibt, dann bleibt die Beschäftigung mit diesem Teil der Thematik langfristig nicht aus.

TINKERBELL: Das ist wahr, welche Nebenrolle war für dich besonders tragend und wichtig?

STEFANIE MAUCHER: Wolfgang, der Vater des Täters. Ich möchte nicht spoilern und zu viel verraten, aber seine Rolle birgt einen Schrecken der ganz besonderen Art und die Vorstellung, wie das für ihn sein muss, hat mich sehr beschäftigt.

TINKERBELL: Treffender hätte man es jedoch nicht schreiben können in den Momenten, wo er sich mit seinem eigenen Sohn, mehrfach, auseinandersetzte. Damit auch wir nicht zu viel spoilern, wechseln wir nun aber am besten zu einer meiner neugierigsten Fragen: Du hast selbst Kinder: eine Tochter, richtig?

STEFANIE MAUCHER: Zwei sogar. Meine ältere Tochter wird bald 16, meine jüngere ist 14 Jahre alt.

TINKERBELL: Was sagen deine Töchter zu deinem Beruf, deinen bisherigen Werken und vor allem zu „Fida“ oder ist es noch zu früh, um sie es lesen zu lassen? Wie haben sie „Fida“ aufgenommen?

STEFANIE MAUCHER: Meine Große hat die Liebe zum Lesen von mir geerbt, meine Kleine nimmt eher selten ein Buch in die Hand. Erstere las schon „Kalte Berechnung“ und auch mit „Fida“ hat sie bereits begonnen. Sie machte gestern einen Kartoffelbrei-Witz als mir wie im Buch das Abendessen anbrannte. Früher war sie begeisterte Harry Potter – und Twilight-Leserin, abgelöst von den Tributen von Panem, inzwischen wagt sie sich aber auch an den härteren Stoff und liest Bücher von King und Laymon. Ein richtiges Feedback zu „Fida“ im Sinne einer Rezension habe ich nicht bekommen. Aber wenn sie hinterher Witze über mich reißt, dann weiß ich, dass ich das als Kompliment auffassen darf.

TINKERBELL: Leser meines Blogs “Tinkerbells Bücherwelten“ dürfen also gespannt sein, auf was sie sich einlassen, wenn sie bei Amazon stöbern gehen http://www.amazon.de/Stefanie-Maucher/e/B0077CU0W2/ref=sr_ntt_srch_lnk_1?qid=1366381769&sr=8-1-fkmr0. Kalte Berechnung, dein vorheriges Werk, war selbst ein Thriller, auch Fida ist einer – was werden wir zukünftg noch von dir erwarten dürfen? Eine andere Richtung vielleicht?

STEFANIE MAUCHER: Ich lege mich ungern fest, habe aber schon eine Idee, grob in Richtung „Voodoothriller“ gehend, über die ich noch nicht all zuviel verraten möchte. Ich halte es da wie die Hühner: Man soll erst gackern, wenn man auch bereit ist, ein Ei zu legen. Auf jeden Fall schreibe ich weiter.

TINKERBELL: Schön, dass du gewillt bist mehr Lesestoff zu liefern, doch: Schade, dass du uns grade, was das Thema „Voodoo“ betrifft, nichts verraten willst. Aber die Thriller-Richtung zieht dich schon in ihren Bann. Siehst du in ihr eine besondere Herausforderung?

STEFANIE MAUCHER: Ich mag das Genre einfach sehr gerne. Selbst lese ich am liebsten Horror, Thriller oder Science Fiction. Dementsprechend sicher bewege ich mich darin und habe auch Spaß an dem was ich mache. Die größte Herausforderung daran ist wahrscheinlich, sich in diesem extrem dicht besiedelten Genre zu behaupten, in dem die Konkurrenz groß ist.

TINKERBELL: Oh, das ist klar. King ist ja Meister, genauso wie Laymon oder Elizabeth George. Ein Vorbild aber direkt hast du nicht, oder? Wen würdest du noch empfehlen, jemanden vielleicht, der frischen Wind bereits in die Verlagswelt gebracht hat?

STEFANIE MAUCHER: Ich habe fast alles von King gelesen, Laymon begeistert mich sprachlich nicht so, aber ich mag seine radikalen Ideen. Die Ambition „zu schreiben wie King“ habe ich aber nicht. Lieber will ich schreiben wie ich und kingmäßige Verkaufszahlen haben.Wirkliche Bewunderung hege ich für Mark Z. Danielewski. Wenn ich je wahrhaftig für einen Autor geschwärmt habe, dann für diesen. Richtig begeistert hat mich in letzer Zeit auch das Buch „Rattenauge“ von Jacqueline Spieweg. Ein Thriller-Märchen, das ich nur weiterempfehlen kann. Und sehr amüsiert habe ich mich beim Lesen von „Rashen – Einmal Hölle und zurück“. Ein witziger Fantasy-Roman von Michaela B. Wahl, die damit ein großartiges Debüt hinlegt.

TINKERBELL: Nun gut, Stefanie – Meine Leser sind sicherlich neugierig auf „Fida“ geworden und haben dich als Person ein wenig kennenlernen dürfen. Willst du ihnen noch die Möglichkeit geben, sich direkt bei dir melden zu können zwecks einer Rezension, persönlichen Beglückwünschungen oder einigen Nachfragen?

STEFANIE MAUCHER: Na klar, gerne! Ich habe eine eigene Homepage, auf der man Infos zu mir und meinen Büchern findet, man darf mir aber auch ruhig auf Facebook eine Freundschaftsanfrage schicken. Ich bin relativ viel online und freue mich immer, wenn meine Leser sich bei mir melden. http://stefaniemaucher.jimdo.com/%C3%BCber-mich/

TINKERBELL: Super, danke für deine Zeit! Stefanie Maucher: Nichts zu danken! Stefanie Maucher Profil

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