John Katzenbach: Das Opfer

John Katzenbach

Er ist der Verwandlungskünstler schlechthin; einer der wenigen Autoren auf dem heutigen Buchmarkt, der den Aufgaben eines Schriftstellers gewachsen ist: Er zieht aus den ungewöhnlichsten Dingen, aus den alltäglichsten Menschen das Besondere heraus, was wir manchmal vergessen. Es ist das Besondere, Markante mit dessen Hilfe er uns als Leser stets das Gefühl gibt, wir alle könnten jenen Protagonisten ersetzen oder zumindest in seine Rolle schlüpfen.

Von Meisterhand versteht er es Spannung und Präzision miteinander zu vereinen, niemals überspannt er den Bogen zur Unglaubwürdigkeit.

Katzenbach verleiht dem Sinn aufregender, neuer Nachrichten eine eigene, neue Bedeutung.

Sein Verhalten dem Leser gegenüber gleicht einem sanften Erzähler, der seinem Publikum gänzlich seine Aufmerksamkeit schenkt. Er zieht sie in einen Strudel, aus dem man nur schwer herausfindet; zwei Möglichkeiten haben wir nun: Entweder man liest seine Schriften einfach, oder aber: Man zwingt sich regelrecht dazu, jenes Buch voller Tatendrang kooperierend mit Entschlossenheit, zu verbannen, was jedoch schlichtweg unnötig auf dem zweiten Blick erscheint.

Seine Bücher hauchen Leben und Fakten ein, die sonst so stoisch unser Alltagsleben kurzzeitig beflügeln.

Denn seine Bücher haben das, was gute Bücher ausmachen.

Sich wandelnde Charaktere, die Furcht und Angst dazu treiben, ihr ganzes altes Leben beispielsweise aufzugeben und ein neues zu beginnen – mit einigen Abstrichen.

Wie schon erwähnt, sind es die einfachsten Leute, die im Mittelpunkt der Geschehen stehen; bei ihm sind es Menschen, die erst zum Held werden durch ihre Taten und nicht gleich heldenhafter Abstammung in ihrem Stammbaum verzeichnen können.

Die Realistik betüncht unsere Gegenwart zunehmend. Angst und Schrecken um das Wohl unserer eigenen Kinder, unserer Liebsten, halten uns fest in den Klauen der Zeit, es wird eine Spirale erzeugt, aus der man nur mit Mut herausklettern kann. Und Mut erfordert Kraft.

Die Psychologie ist Teil seines Charmes, dessen Kraft ihm Worte verleihen, er spielt mit ihr, wie wir kochen würden: eine gesunde Mischung schafft das Spezielle. Sie spielt eine große Rolle in all seinen bisherigen Werken und stellt einen Schlüssel zum Verständnis dieser dar.

Der gebürtige US-amerikanische Schriftsteller ist am 23.Juni 1950 in Princeton, New Jersey, geboren. Er ist der Sohn von einer Psychoanalytikerin und Nicholas Katzenbach.

Mit seiner Familie lebt er in Massachusetts. Seine Frau ist eine Journalistik-Professorin und Pulitzer-Preisträgerin, Madeleine Blais, welche ihm zwei Kinder schenkte, die heute schon erwachsen sind.

Zu seinen Werken zählen:

  1. „Das mörderische Paradies“
  2. „Der Fotograf“
  3. „Der Patient“

Und die für mich persönlich sehr beeinflussenden, und gleichzeitig berührenden Werke zählen außerdem noch:

  1. „Die Anstalt“
  2. „Die Rache“
  3. „Das Opfer“

Es ist eine Geschichte, die ihre Gültigkeit noch nicht verloren hat.

Eine Geschichte, welche wir jederzeit in den Nachrichten mitverfolgen können mit jeweils einem individuellen Hintergrund als Basis. Individuell ist das Stichwort. Das Thema ist Stalking.

Ashley ist eine assoziierte Form für die einfachste Form der Vaterliebe: Ein Mädchen, das es um jeden Preis zu beschützen gilt, sollte man ihr Böses wollen, etwas, dass sie eben nicht will.

Glücklicherweise war ich selbst noch nicht in der Situation eines Stalking Opfers und kenne auch niemanden in meiner näheren Umgebung, der diesem schrecklichen Schicksal wegen sein komplettes Leben umkrempeln musste, doch es könnte jederzeit dazu kommen. Ein einziger Fehltritt und schon verfliegt die Vergangenheit, die man sich mühsam erkämpft hat, diese Freiheit – plötzlich ist sie weg. Man soll von jemandem anderen kontrolliert werden? Unmöglich, doch genau das ist es, was Stalker brauchen: Kontrolle über das Opfer ihrer Begierde. In unserem Falle ist es Ashley Freeman, Kunststudentin in Boston, angesehen, freundlich und nett. Ein gutes Kind. Doch auch sie hatte Fehler und einer wird ihr und ihrer gesamten Familie nun zur Last.

Angeheitert verbringt sie eine Nacht mit Michael O’Connell, für sie war es nur ein One Night Stand, für ihn seine kurz danach geplante Zukunft. Je mehr sie sich ihm zu entziehen versucht, desto mehr schürt es seine Begierde und Sehnsucht und bringt Zorn für ihre Mitmenschen auf, deren Gedanken in steigender Sorge um Ashley kreisen.

Der Psychothriller an sich ist in zwei Ebenen zu unterteilen, ich nenne sie zunächst die „Erzählende“ und die „Geschichtliche“. Bei der Geschichtlichen handelt es sich um die eigentliche Geschichte, in der erzählt wird, wie sich die Situation um die Familie immer mehr zuspitzt. Dagegen ist die erzählende Ebene weitaus vielschichtiger und trägt eine ausgefeilte, klug durchdachte, Spannung erzeugende und immer wieder kehrende Form in sich, die uns lehrt, Menschen wie O’Connell zu verstehen. Wir müssen seine Taten nicht gutheißen, doch wir lernen zu begreifen.

Beide Handlungsebenen tragen den Charakter eines Imperfekt mit sich, doch auch dies könnte genauso gut im Präsens stehen; die Aktualität und die Dringlichkeit, mit der uns Katzenbach zwingt auf unsere Mitmenschen aufzublicken, ist enorm.

Nenne nur die Menschen deine Freunde, die es wirklich wert sind, so genannt zu werden, ebenso ist es mit unserer Familie.

Dass man sich seine Familie bekannterweise nich aussuchen kann, ist jedem klar. Was mich aber nach dem Lesen dieses Romanes beschäftigte, war, ob wir alle unsere ‚Familienmitglieder’ zur Familie zählen sollten? Die Menschen, die sich um uns sorgen, kümmern und wir trotz einiger Entfernung stets an unserer Seite wissen, sollten es schließlich sein ‚Familie’ genannt zu werden, oder?

Zu Ashleys Familie zählt zum einen ihr Vater Scott Freeman, und dessen Exfrau und Ashleys Mutter Sally Freeman. Vor Jahren haben sich beide ehemalige Partner scheiden lassen, da Sally sich in Hope verliebte, ihre jetzige Lebensgefährtin. Zwar ist die Beziehung zwischen Hope und Sally anfangs voller Kälte, so lässt sich sagen: Ein Konflikt, den alle Parteien betrifft, der um das Leben und Wohlergehen eines ihrer liebsten Familienmitglieder geht, lässt das Eis schmelzen und der Liebe wieder Einzug gewähren. Sie liebten sich – ohne Abstriche. Scott hat zwar seine Probleme mit Hope unterdessen immer Mal zum Vorschein kommen lassen, jedoch nie so, dass er einen missbilligenden Blick sich hatte einfangen können, denke ich. ABER: Lest selbst!

Ebenso Catherine spielt eine große Rolle in der Handlung, sie übernimmt einen Part, bei dem man von der ersten Seite an sich fragen muss, wer ist ‚sie’, diese namenlose Person, die so viel Schicksal mit der Welt in sich vereint und uns als Leser eine Menge Dinge lehrt, sie ist die Schlüsselfigur der ganzen Handlung, sie ist die Person, welche uns durchweg begleitet auf dem Weg des Kennenlernens der psychologischen Seite eines Stalkers und dessen Umgebung. Sie ist ein Sprecher in der immer wiederkehrenden Dialogform der Erzählenden. Sie ist die Erzählende.

Sie führt Dialoge mit einem Schriftsteller, der auf der Suche nach einer guten Geschichte ist.

Das Opfer“ hat keinen Vergänglichkeitsfaktor.

Michael O’Connell ist ein ausnahmsloses Beispiel für jeden anderen Kerl, der andere Leute belästigt, sie verfolgt, unter dem Zwang der Kontrolle steht und sich um seine Fortbildung, sein ‚Ziel’ weiterhin beschatten und einschüchtern zu können, in dem Glauben, nichts und niemand könne ihn von seinem Opfer der Begierde, Ashley, trennen, engagiert. Er belegt Fortbildungskurse im Bereich Informatik und je mehr wir über ihn erfahren, desto dringlicher bestätigt sich uns der Verdacht, dass es zu keinem harmlosen Ende kommen kann.

Auf die Forderungen Ashley in Ruhe zu lassen, ist er nicht eingegangen, ist den Antworten auf die an ihn gestellten Fragen regelrecht ausgewichen und hat sich niemals von seinem Ziel abbringen lassen: Ashley.

Je mehr sich Opfer darum bemühen, es auf die schlichte Art und Weise zu regeln, ihrem Verfolger zu entziehen, umso dichter ketten sie sich an sie und werden nur noch gieriger nach ihrem ‚Besitz’. Wenn dieser von anderer Hand versucht wird, zu kontrollieren, lässt er seine Fähigkeiten spielen in anonymer Weise.

Für die Betroffenen steht nach einer gewissen Zeit endgültig fest: Gesetzliche Mittel können nicht immer helfen, sie fungieren manchmal in solchen Fällen auch als Katalysator. Es kommt schneller zu einer unkontrollierten Handlung von Menschen wie O’Connell. Wenn sie nicht bald etwas unternehmen, wird O’Connell womöglich noch in den Glauben geraten, wenn er Ashley nicht ihm gehören darf, so soll sie auch anderen nicht gehören. Es muss gehandelt werden. Ein Plan wird entworfen, ein geschickter. Kommt dem Plan auf die Schliche und lasst euch entführen in ein Netz, in das jeder Mensch hineingeraten würde, sollte sich sein Beschützerinstinkt über den des eigenen existenziellen Wertes stellen.

Denn damit der Plan erfolgreich wird, muss das alte Leben abgeschlossen werden, der Plan ist der Übergangsweg zum neuen Leben. Würdet ihr ihn gehen? Würdet ihr genauso wie Scott, Sally und Hope handeln?

Die Eltern unter euch, liebe Leser und Leserinnen, würdet ihr auch euer Kind mit allem, was ihr besitzt und was ihr seid, mit eurem Leben beschützen?

Ihr Fragt euch sicher, weshalb Katzenbach seinen Titel nicht „Die Opfer“ nannte, oder? Schließlich ist Ashleys gesamte Familie involviert.

Es gibt mehrere Opfer.

Auch O’Connell ist ein Opfer. Er ist sich nur seinem krankhaften Zustand selbst nicht bewusst. Nie hat er erfahren, wo die Grenze zwischen Liebe und Obsession ist. Es lässt mich schlussfolgern, dass er Ashleys freizügige Geste, sich ihm hinzugeben und ihn in ihre privaten Räume einzulassen, gänzlich missverstanden haben muss. Er setzt Sex mit Liebe gleich.

Während Michael das Opfer seiner selbst ist, sind Ashley und ihre Familie die Opfer von ihm. Er reißt sie mit ihm in die Tiefe aus Angst und das Nichtwissen über ihrer aller Zukunft. Selbst im Knast ist sich O’Connell seiner Reue zuwider. Er will noch immer eines: Ashley.

Jedes Opfer ist individuell solcher Fälle, würde man den Plural des Titels bejahen, könnte der Gedanke aufkommen, man würde alle über einen Kamm scheren; es zeugt von Oberflächlichkeit und das ist Katzenbach gewiss nicht!

Jeder Fall ist unterschiedlich, das Muster jedoch gleich: Stalking.

Denn Opfer können wir alle sein, so schließen wir seinen Psychothriller mit gutem Gewissen, dass es uns alle vermutlich jederzeit einmal treffen kann, oder auch nicht. Es liegt nicht in unserer Hand, nur in unseren Handlungen, denn die sind entscheidend, was uns die Zukunft zu bringen scheint.

Es ist ein Buch voller Höhen und Tiefen, wie wir sie in einer Beziehung ebenfalls wiederfinden, es bietet uns Einblicke in das Denken und Fühlen eines Stalkers, beschreibt uns das Kalkül des Unglücks, in das man fast zu schnell herabgesogen werden kann, wenn da nicht die Familie, die engsten Freunde wären.

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