Janina Ebert: Geisterhafte Annäherungen mit der Jugend – „Geisterzeilen“

Die 1992 geborene Autorin hat einen Traum verwirklicht. Sie hat geschafft, wovon andere in ihrem Alter noch immer träumen: Sie hat ihren ersten Roman veröffentlicht!

Nähere Informationen findet man über Frau Ebert nur schwer heraus, auf einigen Internetseiten wie „Jugendbuch-couch.de“ heißt es, sie fühlte sich schon immer von Büchern ohne Happy End abgeschreckt. Na, habt ihr eine Vorahnung bezüglich ihres Debütromans? Genau, es gibt ein Happy End, auch wenn es unmöglich (aufgrund der Handlung) und unglaublich für uns erscheint. Janina Eberts Jugendbuch „Geisterzeilen“ bringt die ganze faszinierende Welt der Pubertät wieder in Erinnerung für all diejenigen, die sie längst zu vergessen geglaubt haben und jenen, welche sich noch mittendrin befinden, bringt Eberts Werk es so weit, dass man sich verstanden fühlt.

Helena ist der typische Teenager, den wir womöglich in jeder Schulklasse finden würden. Mathe ist nicht ihre Stärke, das Merken von Zahlen und Fakten im Geschichtsunterricht zählt nicht besonders zu ihren außerschulischen Hobbies und im Deutschunterricht grübelt sie über den Sinn des Interpretierens längst vergangener Gedichte. Die erste große Liebe, um die man trauert, darf natürlich nicht fehlen.

Aber dann passiert es: Wie von sprichwörtlicher Geisterhand wird sie beim Schreiben geführt. Sie schreibt Dinge, die ihre Deutschlehrerin kaum fassen kann, ja, kaum begreifen kann. Oder was ist mit der Geschichtsarbeit? Sie hat natürlich nicht gelernt, wie sooft, und schneidet trotzdem bestens ab – obwohl nicht einmal ihr richtiger Name darauf steht?

Das hört sich alles ziemlich seltsam an, findet ihr nicht auch? Aber in diesem Buch sollte nichts seltsam empfunden werden. Wer genügend Fantasie hat, schafft auch als Leser den Spagat zwischen Realität und Fantastik. Fantasie ist die Bereitschaft, sich neuen, wenn auch unglaubwürdigen Dingen, zu öffnen und ihnen eine Chance zu geben, sich zu beweisen – in der Realität.

Helena Kögel, unsere Hauptfigur, das Mädchen, aus dessen Sichtweise der Roman geschrieben wird, das Mädchen, das uns mit ihrer Niederschrift dazu ermahnt, unglaublichen Dingen eine Chance zu geben. Sie spricht uns als Leser mit der direkten persönlichen Anrede „Sie“ an, was unweigerlich dazu führt, dass man sich ihr und ihrer Geschichte, die sie uns zu erzählen hat, näher fühlt. Ihr Schreibstil ist sehr einfach gehalten, manchmal zu hastig, sodass man an einigen Stellen Mühe hat, mit ihrem Tempo mitzuhalten. Sie ist eine typische, wie oben bereits erwähnt, Teenagerin, die Stress mit ihren Eltern hat, auf der Suche nach der wahren Liebe, dem Sinn des Lebens ist und genauso ein Tollpatsch, der gern jedes Fettnäpfchen mitnimmt – wer stolpert schon in einer Stadt mit 3,5 Millionen Einwohnern wie Berlin über eine Zucchini und findet just dadurch genau die gesuchte Ansprechpartnerin?

Helena schreibt, um Oskar, ihrem Geist, der sie heimgesucht hat, zu gefallen. Um seine Werke zu veröffentlichen. Sie schreibt, weil sie nicht anders kann – geleitet durch Oskars Hände. Sie ist Oskars Ghostwriter. Durch ihn lernt sie die fantastische Welt des Geschichtenerzählens kennen, Gedichte zu verstehen und ihre Umgebung genauer zu betrachten. Denn ohne diese Betrachtungsweise ihrer Umgebung, hätte sie wohl das bestgehütetste Geheimnis ihrer Freundin Maxi nie kennengelernt und hätte ihr nie helfen können.

Janina Ebert schafft es von Anfang an, dass man sich zwar über Maxis Verhalten ab und zu wundert, jedoch nicht, dass man sich darauf konzentriert oder darauf, dass eine weitere Geisterfrau Helena heimsucht. Anfangs sind sie nur Randerscheinungen. Doch genau da liegt der Fehler. Und das nicht nur bei uns Lesern, die die genannten Figuren nur als nebensächlich ansehen, sondern auch in vielen Menschen in unserer eigenen Umgebung: Wir nehmen sie zu wenig und zu unbewusst wahr. Kein Wunder also, dass uns viele Dinge entgehen, wir viele Dinge nicht verstehen können.

Sind es negative Gegebenheiten, verweigern wir ihnen bewusst den Zugang. Wir wollen sie nicht nah an uns heranlassen. Es könnte uns verletzen, es könnte uns schlimme Dinge zeigen. Weil wir Angst davor haben, schließen wir lieber die Augen. Helena wächst immer weiter zu einer jungen Frau heran, die wir bewundern sollten. Sie stellt sich mutig vor einen kleinen Jungen, rettet sein Leben vor einem Rechtsradikalen. Sie hat nicht zuerst an sich selbst gedacht. Die Gedichte der „Geisterfrau“ versteht sie anfangs nicht, weil sie sich ihnen bewusst versperrt. „So etwas will man nicht lesen.“ – sagte meine Großmutter, der ich diese Zeilen zeigte. Die Frage ist: Warum? Weil sie negativ sind. Aber sie wächst durch das Schreiben über sich hinaus: Sie hilft Maxi dabei, ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen. Auch, wenn ich ihren Stil als sehr einfach und hastig beschrieben habe, so hat er doch etwas Schwungvolles an sich, aus dem man die Jugendliche Energie nur herauslesen kann, ist sie mit 22 Jahren doch immer noch voller Neugier für ihre Umwelt, sie ist nicht erschlafft in der Monotonie ihres Alltags. Sie ist zu einer Frau geworden, die für das kämpft, woran sie glaubt und dafür einstehen kann. Schade ist einzig und allein, dass der geschichtliche Hintergrund, den ihr die Geister vermitteln wollen, zu kurz kommt aufgrund ihrer sich immer steigernden Verliebtheit.

Aber es sind nicht nur Oskar und die geheimnisvolle Geisterfrau, neben ihre Eltern natürlich, die ihr geholfen haben, zu dem Menschen zu werden, der sie jetzt ist. Nein, es gibt noch einen weiteren Geist. Der, der erst der „Namenlose“ war, entpuppte sich später als Oskars Neffe – durch ihn lernt sie die Liebe kennen, nach der sie sich gesehnt hatte. Aber können eine Sterbliche und ein Geist eine Beziehung haben? Ist das möglich? Es liest sich wie eine rhetorische Frage, aber auch hier zeigt sich auf romantische Art und Weise die Kraft der Fantasie – lest selbst.

Das Thema der Geister nimmt eine sehr große Rolle im Roman ein. Sie weilen immer noch unter uns Menschen, haben das Ziel, endlich verstanden zu werden, verzweifeln an der Interessenlosigkeit manches Bürgers seiner Umwelt gegenüber. Auch sie haben Botschaften – mit brillanten Gedichten und kurzen, prägnanten Zeilen lassen sie zu, dass man seinen Blick weit weg von Helena Kögel richtet, und sich auf die Worte konzentriert. Auf ihren Klang. Und die Botschaft.

Themen wie die Liebe, Geister, Schule, genauso wie der Alltagsstress kommen sehr gut zur Geltung und werden gut umgesetzt. Wohingegen der Nationalsozialismus stoisch angeschnitten, genannt wird – jedoch untergeht. Warum? Unsere Helena Kögel ist leider viel zu sehr damit beschäftigt ihren Geliebten anzuhimmeln, anstatt sich für die Umgebung zu begeistern, was nicht zuletzt auch durch Eberts geringe Bezugnahme zum Thema unterstützt, wenn nicht gar unterstrichen wird.

Nichtsdestotrotz – wer bereit ist, an Wunder, Glück, Schicksal, Mut und Freundschaft zu glauben und dafür auch zu kämpfen, der sollte sich jetzt Janina Eberts Debütroman zur Gemüte führen und eintauchen in die Welt der Helena Kögel.

Quellen: Janina Ebert – Geisterzeilen ; http://www.jugendbuch-couch.de/janina-ebert.html

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