Gabrielle C. J. Couillez: Die Frucht des Ölbaums – der Ketzer

Gabrielle C. J. Couillez beweist ihre Leidenschaft für historische Vielfalt erneut: Die 1965 in Lingenfeld geborene Autorin hat bereits historisch und pädagogisch wertvolle Kinderbücher veröffentlicht – ihr erstes Werk „Die Taten des tapferen Ritters Bruno – eine Rrr-Geschichte“ ist nur eines davon.

Das war die Basis für ihre schriftstellerische Karriere. In vielen Interviews und ihrer Website (LINK) betonte sie bereits, dass sie durch ihren Sohn zum Schreiben gekommen ist. Um ihm die Möglichkeit zu bieten, sich sprachlich spielerisch weiterzuentwickeln und anderen Eltern zu helfen, entstand das oben genannte Werk, bestehend aus Reimen und Worten, die der besonderen „R-Nutzung“ unterliegen.

Doch nicht nur für Kinder ist sie eine geschichtliche Hilfe. Denn Erwachsene können froh sein, einer Autorin wie Couillez zu begegnen. Es ist die etwas andere Art, welche die ihr erstes und neuestes Werk für Erwachsene „Die Frucht des Ölbaums – der Ketzer“ herausstechen lässt unter all jenen historischen Romanen.

Bestehend aus drei Teilen ist der Werdegang in allen Facetten und Belangen des erst noch jungen Ketzers Olivier de Termes beschrieben: „Prolog“, „Intermezzo“ und der wohl aussagekräftigste Part „Paratge

Mesura

Lerguesa“ (okz. Gleichheit, maßvolle Lebensführung, Großherzigkeit).

Im Präsens geschrieben wird ein intensives Zeitgefühl vermittelt. Man lebt den Protagonisten, fühlt, leidet mit ihm und lernt alle historisch relevanten Personen, die seinen Weg sowohl begleitet, wie auch mit beeinflusst oder gar geebnet haben, kennen. Nennenswerte Persönlichkeiten wären hierbei seine Mutter Ermessende, ihr späterer Mann Bernard-Hugues und sein Onkel Benoit.

Es ist kein historischer Roman im üblichen, zu viel gelobten Sinne, welcher seinen Reiz und Charme der Zeit aufgrund erotischer Liebeleien erfährt. Sicherlich spielte die Sexualität in der damaligen Zeit, wie man vielen Berichten entnehmen kann, eine sehr große Rolle – selbst auch heute tut sie das. Nichtsdestotrotz liegt das Hauptaugenmerk im gesamten Historischen Roman auf dem Hauptprotagonisten Olivier de Termes, seinem Land und der Zeit. Spannung entsteht beim Lesen allein aufgrund des Interesses an dem geschichtlichen Hintergrund und der Neugierde Figur im Roman.

Liebesszenen sind nicht tragend, werden hier nicht in den Mittelpunkt gerückt und beflügelten mich als Leser lediglich darin, zu erfahren, was Olivier durch seine Erfahrungen schlussfolgert. Gerade, was seinen Glauben betrifft, hadert er immer wieder mit sich – soll er sich den weiblichen Reizen hingeben, oder nicht?

Selbst die Homosexualität wird angeschnitten und doch nicht zentralisiert, herausgerissen und hervorgehoben – Couillez versteht es die Sexualität des Menschen lediglich als Nebeneffekt, als Teil eines jeden Lebens zu betrachten und darzustellen. Dadurch ist es ein wirklich sehr spezieller historischer Roman im Zeitalter des 13. Jahrhunderts in Frankreich.

Gestört wurde mein Lesefluss lediglich durch die vielen Abschnitte, welche von der Sinnhaftigkeit eher Absätze hätten darstellen sollen. Gerade zu Beginn war es dadurch sehr schwer für mich, mich auf den Stil und die Gegebenheiten im Prolog einzustellen – die Burg de Termes wird dort soeben von den Kreuzfahrern angegriffen, nicht nur ein kostspieliges, strategisches und anstrengendes Unterfangen für beide Seiten. Gerade beim gleichmäßig durchgängigen allwissenden Erzähler, der ab und an gern auch die personalere Version von Olivier annimmt, hatte ich beim Lesen das Gefühl, bei jedem neuen Abschnitt herausgerissen zu werden. Ein Abschnitt stellt für mich einen Ortswechsel, Personenwechsel oder beispielsweise eine Rückblende dar. Unglücklicherweise gehen dadurch wirkliche Ortswechsel unter und sind nur durch ein sehr aufmerksames, konzentriertes, wenn auch anfangs anstrengendes, Lesen bemerkt worden.

Wohingegen die sprachliche Gestaltung meine Anspannung nicht nur auflockerte, sondern gerade erhellte. Couillez verwendet einen durchgängig anspruchsvollen Stil auf historischer Ebene, welcher nicht zuletzt ihrer sehr intensiven Recherchearbeit anzurechnen ist. Dieser versucht alles möglichst realistisch, genau und detailreich darzustellen. Er äußert sich allein schon in den verwendeten Worten wie: „Bonhomme“ (S. 11), „Melioramentum“ (S. 21), „Endura“ (S. 47) – vollständiger Verzicht auf Nahrung, um sich der Initiation durch das „Consolamentum“ würdig zu erweisen – Beginn bei Hoffnungslosigkeit.

„Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle denen,die sie gefunden haben.“, hieß es von André Gide.

Im Hinblick auf dieses Zitat und Couillez‘ Stil,hatte ich beim weiteren Voranschreiten der Geschichte von Olivier immer mehr den Eindruck ihn verstehen zu können, wobei man sagen muss: Es ist nur ein Teil seines Lebens, der zweite Teil zu Couillez‘ Reihe soll noch dieses Jahr übrigens erscheinen.

Olivier verliert, nach Ende seines Prologes, seinen Vater, befindet sich auf der Flucht vor den Kreuzfahrern, lernt das Leben eines Ritters und Edelmanns kennen und ist stets immer darauf bedacht ein guter Christ, ein guter Okzitan zu werden, zu sein und weiter noch: zu bleiben. Sein Vater hatte damals, als er gerade einmal zehn Jahre alt war, seine Burg, de Termes, aufgegeben, vorher seine Bürger und die Gesunden noch insofern gerettet, dass er ihnen die Möglichkeit zur Flucht verschaffte – er selbst blieb jedoch zurück.

Gerade dieser Moment des Verlassens, des Aufgebens und der Zwiespalt, ob man stets das Richtige getan hat, begleiten Olivier auf seiner gesamten Reise durchgängig. Einfühlsam kann man sich mit seinen sensiblen Gedanken identifizieren. Dies wird kaum durch so gut wie keine Ellipsen, sondern stets durch viele Vergleiche dargestellt. Er stellt sein Handeln gern in Frage, hadert auch in Bezug auf den oben genannten Vorfall mit seinem Onkel und seinem eigenen, reinen Gewissen hierbei – ob sich allerdings alles zum Guten wendet, er von der Schuld, welche er seinem Onkel Benoit zuschiebt, ablässt oder es jemals kann? Das müsst ihr selbst erfahren. Doch so viel vorweg: Olivier äußerte sich bereits auf Seite 96 hierzu: „Der Zweifel am rechten Handeln seines Vaters bleibt, aber er versteckt ihn, begräbt ihn tief in seinem Herzen, um nicht weiter [Anmerkung: Von Benoit] gerügt zu werden.“ Lieber wäre es ihm, aus Sicht des gebrochenen Sohnes, wenn sich ohnehin für den eigenen Vater jemand anderes sich geopfert hätte, doch wäre dies der richtige Weg? Die richtige Denkweise?

Olivier begleiten wir auf insgesamt 664 Seiten, ein sich anschließendes Personenregister, Quellenverzeichnis, eine Zeittafel und dazugehörige Anmerkungen befinden sich auf den danach folgenden letzten Seiten.

Er wächst heran zu einem jungen Mann, einem Ritter, welcher sich nicht, wie zwischenzeitlich gedacht für Constance als Frau entscheidet, welche die er zunächst für ein kleines, unschuldiges, für sich zu junges Mädchen hält – doch im laufe der Zeit „[…] hat er sehr wohl gemerkt, dass sich Constance nicht das kleine Mädchen ist, für das sein Schwager sie hält.“ (S. 140). Oliviers Schwager, der Mann von Raymonde ist Guilhem-Jourdain. Gerade zu seiner Schwester hat der junge Ritter eine besondere Beziehung.

Zusammen mit Guilhem reist Olivier nach seiner Ausbildung viel umher, schließt sich den Faidits an und kämpft um die Zurückeroberung seiner Burg de Termes, welche zwischenzeitlich in Montforts Besitz und der Papstkrone gekommen ist. Gelingt es ihm, seinem Glauben auf all seinen Reisen und Unterbrechungen geschwächt durch seine Sehnsüchte treu zu bleiben?

Ist es richtig, so viel zu zweifeln und in Frage zu stellen?

An seinem Glauben und dem von Benoit, sprechen beide aus demselben Herzen Gottes?

Im Laufe der Zeit lernt unser nun doch schon sehr erwachsen gewordener Protagonist viele Freunde kennen, unter anderem Pons de Villeneuve. Er ist sogar bereit seinen Glauben zu leugnen vor den Augen Anderer und die des Papstes – doch hat dies einen Sinn?

Die Fragen aus Sicht meines, mir sehr ans Herz gewachsenen Franzosen, zählen für mich noch heute zu jenen, die heutzutage relevant sind und welche Couillez zur umfangreichen Figurendarstellung verholfen haben.

Was nützt einem all die Macht, wenn das Volk fehlt?

Was nützt all die Heuchelei des eigenen Glaubens, wenn der Mut zur Strebsamkeit fehlt?

Da ich mir vorher die Mühe gemacht habe und etwas zur Lebensgeschichte und Philosophie der Oktzitanen im spielenden Zeitalter des 13. Jahrhunderts recherchiert habe, bin ich sehr überrascht, wie detailreich, mannigfaltig und vor allen Dingen, wie historisch treu Couillez ihrem Schreibstil und ihrem Olivier stets geblieben ist. Wirklich niemals ist sie in den Jargon der heutigen Zeit gefallen, hat Gepflogenheiten von heute übernommen. Nicht eimal in jenen Passagen, wo stets sie sich den, wenn auch für mich sehr wenig vorkommenden und ab und an zu kurzen Umgebungs- / Situationsbeschreibungen, hingegeben hat. Dazu kommt: Hat sie, einmal die zu Beginn meiner Rezension genannten Begrifflichkeiten zum ersten Mal genannt, folgte stets nach dem erstmaligem Nennen die Erklärung trotz der Erklärung, welche sich am Ende des Romans anschließt.

Okzitanische Rituale werden nicht bloß erklärt, sondern in Dialogen und Beschreibungen gelebt.

Es sind mehrere Arten des Kämpfens beschrieben im Roman – der Kampf des wahren Glaubens, der Kreuzzüge, der Inquisition im damaligen genannten Jahrhundert und des unterschwelligen Kampfes nach und für die wahre Liebe, unterschieden in den Bereichen der Familie und derer, welche man situationsbezogen als möglichen Partner ansieht.

Fazit: Couillez erreicht damit einen historischen Sieg auf ganzer Linie.

Wie es jedoch weitergehen wird, nachdem 1246 König Jaume I. die Rettung des Grafenhauses in Toulouse aufgibt, und was dies für Olivier bedeutet – wir werden sehen.

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